Mi., 14.07.2021 - 11:00

Eines der Ziele  der Gründung der Schweizer Stiftung für das UNHCR, Switzerland for UNHCR, ist es, in der Schweiz das Bewusstsein für die Notlage entwurzelter Menschen zu schärfen. Die Stiftung feiert nun ihr einjähriges  Jubiläum, und obwohl es wenig zu feiern gibt, ist eine Möglichkeit, diesen Anlass zu begehen, der Start einer Artikelserie, in der lokale Akteure vorgestellt werden, die sich für Flüchtlinge engagieren: Die Engagierten. Für unseren vierten Artikel haben wir Roberta Ventura getroffen, die Gründerin von SEP Jordan, einem sozialen Unternehmen, das Produkte verkauft, die von über 500 Frauen in einem Flüchtlingscamp in Jordanien hergestellt werden. Sie sprach mit uns in ihrem Geschäft in der 31 rue Vautier in Carouge. SEP Jordan ist eines der 16 sozial Unternehmen, die Partner von MADE51 sind.

SEP Jordan

Stellen Sie uns zunächst einmal SEP Jordan vor: 

SEP Jordan ist ein B Corp-zertifiziertes Sozialunternehmen und ist bekannt für seine hochwertigen Mode- und Lifestyle-Accessoires. Jedes Stück wird von einer talentierten Flüchtlingskünstlerin im Jerash-Camp in Nordjordanien handgestickt. 

Wie gehen Sie an die Projekte heran? 

SEP (Social Enterprise Project) wurde 2013 in Jordanien gegründet. Seitdem haben über 800 Stickereikünstlerinnen mit SEP gearbeitet. Die Kinder dieser Künstlerinnen haben von den sozialen Aktivitäten profitiert, die wir organisiert haben: Englischunterricht, Kunstunterricht, Leseunterricht, Selbstverteidigungskurse und vieles mehr.

SEP Jordan als solches ist ein Projekt. 

Wie lange dauert es im Durchschnitt, ein Teil herzustellen? 

Für einen Kissenbezug werden etwa 4 Wochen Arbeit gebraucht. Natürlich sprechen wir nicht von 4 Wochen Arbeit bei 100 % - unsere Künstlerinnen haben oft mehrere Kinder und einen Haushalt zu versorgen, und darüber hinaus haben sie nur 2 Augen und 10 Finger: Sticken ist eine sehr akribische Arbeit, die ein hohes Mass an Konzentration erfordert, so dass sie nicht mehr als 4 Stunden pro Tag mit dieser Aufgabe verbringen können. Es ist ein bisschen wie ein Maler mit seinem Gemälde. Man muss der Arbeit Zeit geben, um sie zum Entstehen zu bringen. 

Erzählen Sie uns von Ihrem Engagement in diesem Unternehmen. 

Unsere Mission ist es, Tausende von Flüchtlingen durch ihre Fähigkeiten und Talente über die Armutsgrenze zu bringen. Die Künstlerinnen, mit denen wir zusammenarbeiten, sind Experten für Stickereimuster und -techniken, die nicht nur auf eine lange Tradition verweisen, sondern auch auf ihre Wurzeln und ihr kulturelles Erbe.  

Wir sind ein Beispiel dafür, wie ein privatwirtschaftliches Unternehmen einspringen kann, wenn die akute Notlage vorbei ist und Flüchtling zu sein zur neuen Normalität wird. Die Idee ist, die Würde durch Arbeit wiederherzustellen und die Flüchtlinge aus einer Rolle der Abhängigkeit in eine Rolle der Handlungsfähigkeit zu bringen. 

Roberta Ventura (links) und eine der SEP Künstlerinnen im Jerash-Camp in Jordanien. ©SEPJordan
Roberta Ventura (links) und eine der SEP Künstlerinnen im Jerash-Camp in Jordanien. ©SEPJordan

Was sind Ihre nächsten Projekte? 

Heute arbeiten wir mit 500 Stickereikünstlerinnen, die alle Flüchtlinge sind und jetzt in Jordanien wohnen. Wir hoffen, in den kommenden Jahren dank unserer Kunden mit fast tausend Künstlerinnen zusammenarbeiten zu können: Je mehr SEP-Kreationen wir verkaufen, desto mehr Arbeitsplätze schaffen wir: Der Zusammenhang ist einfach und direkt! 

Warum engagieren Sie sich? 

Es ist hauptsächlich ein Pflichtgefühl. Nach 20 Jahren in denen ich Flüchtlinge durch Spenden unterstützt habe, hatte ich das Gefühl, dass es keine Option mehr war, darauf zu warten, dass andere langfristige Lösungen finden, um den Kreislauf der Abhängigkeit von humanitärer Hilfe zu durchbrechen. Mein Beitrag war zeitlich und in seiner Nachhaltigkeit begrenzt. Das gespendete Geld wurde gut verwendet, aber die Bedingungen haben sich nicht verbessert. Dies ist keine Kritik an der Arbeit der NGOs, die nicht nur in Notsituationen unverzichtbar ist, sondern auch einen echten Willen darstellt, so gut wie möglich zu helfen. Für viele Menschen, die seit zwei oder drei Generationen auf der Flucht sind, wird ihre Situation jedoch zur neuen Normalität. Privatwirtschaftliche Lösungen, um diesen Menschen ihre Würde zurückzugeben, fehlen oft. 

Entweder begnügten wir uns damit, oder wir entschieden uns, das Problem auf andere Weise anzugehen. Also haben mein Mann und ich unsere eigene Lösung entwickelt. 

Eine besondere Erinnerung an dieses Engagement? 

Als der jugendliche Sohn einer der SEP-Künstlerinnen mich auf Facebook anschrieb und sagte: "Ich weiss nicht, was Sie mit meiner Mutter gemacht haben, aber danke! Sie ist eine veränderte Frau und wir sind alle sehr glücklich." 

Welchen Rat würden Sie jemandem geben, der sich engagieren möchte? 

Wenn man den Willen dazu hat, kann man es machen. Aber wenn man einmal angefangen hat, gibt es kein Zurück mehr. Stellen Sie also sicher, dass es eine wirklich tiefe Leidenschaft gibt, die Sie durch Erfolge und Schwierigkeiten tragen wird, und dann... legen Sie los!